Vorwort
Seit vielen Jahren lese ich Texte, höre Vorträge und sehe Dokumentationen über „Sinti und Roma“, die fast ausschließlich von Menschen stammen, die nicht zu unserer Minderheit gehören.
Oft habe ich dabei das Gefühl, dass sie glauben, mehr über uns zu wissen als wir selbst.
Sie erklären unsere Geschichte, unsere Herkunft, unsere Kultur – und tun das mit einer Selbstsicherheit, die mich immer wieder erstaunt und auch verletzt.
Viele dieser sogenannten Fachleute kommen zu uns in die Büros, in unsere Vereine oder sogar an unsere Küchentische.
Sie stellen Fragen, hören zu, schreiben mit – und am Ende verwenden sie unser Wissen für ihre eigenen Arbeiten, ohne wirklich zu verstehen, was wir ihnen anvertrauen.
Das, was sie nicht wissen oder nicht verstehen, füllen sie mit eigenen Vermutungen.
Dann heißt es in ihren Texten:
„Wir gehen davon aus, dass…“ – und genau so entstehen jene klischeehaften Bilder, die seit Generationen über uns weitergetragen werden.
Ich habe beschlossen, das nicht länger hinzunehmen.
Mein Name ist Oswald Marschall, ich bin 71 Jahre alt und weiß genau, woher mein Wissen stammt:
Von meinem Urgroßvater, der es wiederum von seinem Urgroßvater überliefert bekam.
Dieses Wissen wurde über Generationen weitergegeben – von Familie zu Familie, von Mund zu Ohr, von Herz zu Herz.
Das ist unsere wahre Quelle, und ich glaube mit Überzeugung sagen zu dürfen:
Es gibt keine authentischere Form der Überlieferung als diese.
In den vergangenen Jahren habe ich deshalb selbst geforscht und verglichen was mir meine Vorfahren erzählt und aufgeschrieben haben, dadurch konnte ich vieles richtigstellen, was über uns verzerrt oder falsch dargestellt wurde.
In mehr als dreißig Aufsätzen habe ich die Geschichte, die Kultur und die Lebenswirklichkeit der Sinti – und zum Teil auch der Roma – aus unserer eigenen Sicht beschrieben.
Diese Texte sind nicht gegen jemanden gerichtet, sondern für Aufklärung, für Wahrheit und für Würde.
Denn noch immer wissen viele Menschen aus der Mehrheitsgesellschaft nur sehr wenig über uns.
Aber auch innerhalb unserer eigenen Reihen gibt es Wissenslücken über unsere Wurzeln, unsere Geschichte und die Unterschiede zwischen Sinti und Roma.
Ich wünsche mir, dass diese Aufsätze dazu beitragen, das zu ändern.
Ich schreibe nicht als Wissenschaftler, sondern als Zeitzeuge – als jemand, der unsere Geschichte lebt, nicht nur studiert.
Ich bin Teil dessen, worüber ich berichte.
Darum sind diese Texte keine theoretischen Abhandlungen, sondern Erinnerungen, Erfahrungen und Aufrufe zugleich.
Ich habe über unsere Kultur und Traditionen geforscht, über unsere Sprache, über das, was uns verbindet – und auch über das, was uns unterscheidet.
Dabei war mir besonders wichtig klarzustellen:
Wir Sinti auch die alt eingesessenen Roma können nicht für das verantwortlich gemacht werden, was einige neuzugewanderte Roma in Deutschland tun, oder was ihnen zur Last gelegt wird.
Immer wieder heißt es in den Medien „Sinti und Roma aus Südosteuropa“ – obwohl es dort keine Sinti gibt.
Wir Sinti und auch die deutschen Roma, die seit vielen Generationen in diesem Land leben, wollen nicht mit einigen Roma gleichgestellt werden, die erst vor kurzer Zeit nach Deutschland kamen und hier durch Fehlverhalten auffallen.
Diese und viele andere Missverständnisse will ich mit meinen Aufsätzen aufklären.
Wir Sinti und auch die in Deutschland lebenden Roma dürfen nicht länger für das Verhalten Einzelner verurteilt werden.
Jeder Mensch trägt seine eigene Verantwortung-und Straftaten oder Fehlverhalten sind immer persönliche Entscheidungen, keine Merkmale einer Kultur.
Wenn Medien und Politik dennoch ganze Gruppen dafür verantwortlich machen, schüren sie bewusst Vorurteile und halten alte Feindbilder am Leben.
Wer dennoch alle Sinti und Roma unter Generalverdacht stellt, macht sich der selben Denkweise schuldig, die schon einmal in unserem Land unsägliches Leid verursacht hat.
Ich möchte, dass die Menschen verstehen, wer wir wirklich sind, woher wir kommen und warum wir – trotz allem, was uns im Laufe der Geschichte widerfahren ist – ein fester und unverzichtbarer Teil dieses Landes sind.
Sinti und Roma in Deutschland:
Sichtbarkeit, Geschichte und Verantwortung:
Historische Hinweise auf die Aufspaltung:
Es ist wichtig, eine Sache ruhig und sachlich zu benennen, weil sie bis heute oft missverstanden wird, oder Missverstanden werden will:
Wenn wir Unterschiede zwischen Sinti und Roma erklären, geht es nicht um Abwertung, nicht um Distanzierung und nicht um gegenseitige Diskriminierung.
Es geht einzig um historische Präzision.
Die Quellenlage ist eindeutig:
Schon vor mindestens 600 -700 Jahren haben sich die wanderden Gruppen aufgespalten und sind in völlig unterschiedlichen Regionen Europas gezogen.
Aus dieser frühen Trennung sind Unvermeidlich verschiedene Sprachen, Lebensweisen und kulturelle Entwicklungen entstanden.
Es wäre historisch schlicht falsch, daraus heute eine homogene Gesamtgruppe zu machen – diese Einheit existiert seit Jahrhunderten nicht mehr.
Trotzdem werden Sinti und Roma in Politik, Medien und öffentlicher Debatte oft unter einem gemeinsamen Oberbegriff zusammengefasst.
Und jedes Mal, wenn wir diese Tatsachen korrigieren, wird uns unterstellt, wir würden spalten oder gegeneinander sprechen.
Doch das Gegenteil ist richtig:
Die klare Benennung unterschiedliche Identitäten ist kein Ausdruck von Feindseligkeit – sie ist ein Schutz vor Feindseligkeit aus der Mehrheitsgesellschaft.
Denn Pauschalisierungen entstehen immer dann, wenn man Unterschiede verschweigt.
Aufklärung ist das Gegenteil von Diskriminierung.
Ich spreche heute als deutscher Sinto.
Als jemand, dessen Familie seit über 600 Jahren in diesem Land lebt.
Als jemand, dessen Sprache, Kultur und Heimat Deutschland ist.
Ich spreche heute in Verantwortung für viele Sinti in Deutschland, die diese Erfahrungen teilen – für Menschen, die seit Jahrhunderten Teil dieses Landes sind, oft ohne dass dies anerkannt wird.
Auch habe ich mit Deutschen Roma über das Thema was ich heute deutlich machen will, gesprochen, wir waren uns einheitlich einig das es in der heutigen Zeit unausweichlich ist die Unterschiede zwischen Sinti und zugewanderten Roma in aller Deutlichkeit darzulegen.
Es geht mir nicht darum, andere abzuwerten.
Es geht darum, die Wirklichkeit sichtbar zu machen, damit wir nicht länger für Dinge verantwortlich gemacht werden, die nicht zu uns gehören.
Unsere gemeinsame Wurzel – unser gemeinsames Schicksal
Sinti und Roma stammen aus einer gemeinsamen Herkunft in Indien.
Und im Nationalsozialismus haben beide Gruppen das gleiche Verbrechen erlebt:
Entmenschlichung, Verfolgung, Deportation, Ermordung.
Aber ein zentraler Unterschied prägt unser Verhältnis zu diesem Land bis heute:
Wir Sinti wurden von unseren eigenen Landsleuten, verraten, schlussendlich ermordet.
Von Nachbarn, Freunden, Vereins-Kameraden, Polizisten, Beamten – von Menschen, die wussten, wer wir waren.
Das hat sich tief in unser kollektives Gedächtnis eingeschrieben und verpflichtet Deutschland uns gegenüber zu Schutz und Verantwortung.
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Eins müssen wir uns bewusstmachen: „Zigeuner“ hat es als Eigenbezeichnung nie gegeben.
Kein Mensch wird als Zigeuner geboren.
Dieser Begriff ist ein reines Konstrukt der Mehrheitsgesellschaft, geschaffen, um sehr unterschiedliche Gruppen in ein einziges abwertendes Bild zu pressen.
Unter dieser Fremdbezeichnung wurden nicht nur Sinti und Roma zusammengefasst, sondern auch Jenische, Schausteller, Hausierer und andere Menschen, die schlicht nicht in das Gesellschaftliche Schema passten.
Dieses Konstrukt diente dazu, Minderheiten gleichzumachen, zu entmenschlichen und letztlich zu verfolgen.
Und genau deshalb müssen wir Wachsam sein, wenn eine neue Sammelbezeichnung wie „Sinti und Roma“ heute in Negativen Kontexten benutzt wird.
Auch diese Doppelbezeichnung ist keine gewachsene Eigenbezeichnung, sondern eine Politische Formel, die alt zu oft dazu führt, das völlig verschiedene Lebensrealitäten in einen Topf geworfen werden.
Wer „Sinti und Roma“ nutzt, um Kriminalität, Armut oder Probleme pauschal zu adressieren, wiederholt im Kern dieselbe Logik, die schon hinter den Wort Zigeuner stand:
Viele zu einer Masse zu machen, damit sich Verantwortung leichter zuschreiben lässt.
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Wir sind Teil der deutschen Geschichte. Wir Sinti leben seit dem 15. Jahrhundert in Deutschland.
Wir haben hier gearbeitet, Kinder großgezogen, Dinge geschaffen und gestaltet.
Wir haben unsere Sprache bewahrt, unsere Erzähltraditionen, unsere Musik.
Wir gehören zu dieser Gesellschaft – nicht seit gestern, sondern seit Jahrhunderten.
Rechtliche Stellung und Zugehörigkeit
Wir Sinti und die alt eingesessenen Roma sind als nationale Minderheit anerkannt – so wie die Sorben, Dänen und Friesen.
Wir sind deutsche Staatsbürger.
Wir benötigen keine Aufenthaltsgenehmigung und keinen Sonderstatus.
Wir gehören zu diesem Land – in Geschichte, Recht und Kultur.
Denn auch die alt eingesessenen Roma, die zwischen 1890 und 1910 nach Deutschland kamen, gehören seit Generationen zu diesem Land.
Sie haben ihre eigene Geschichte, ihre eigene Würde, ihre eigene Identität.
Sinti in Südosteuropa – Klarstellung
Und es ist wichtig, eine Sache klarzustellen:
Nach meinem Wissen gibt es keine Sinti in Südosteuropa.
Wenn heute in Berichterstattungen über vermeintliche Probleme oder Fehlverhalten von Menschen aus dem Balkan oder aus Südosteuropa gesprochen wird, dann heißt es oft leichtfertig „Sinti und Roma aus Südosteuropa“.
Das ist sachlich falsch und führt zu gefährlichen Missverständnissen.
Allenfalls könnte es sein, dass in der langen Geschichte kleine Sinti-Familien oder Gruppen vereinzelt in einigen südosteuropäischen Ländern siedelten, möglicherweise Nachfahren jener, die während des Krieges dorthin geflüchtet sind und später nicht mehr zurückkehrten.
Doch dies betrifft nur wenn,
sehr wenige und ändert nichts daran, dass die große Mehrheit der Sinti seit Jahrhunderten in Deutschland lebt und Teil dieses Landes ist.
Kriminalität oder Fehlverhalten Einzelner darf niemals einer gesamten Volksgruppe zugeschrieben werden.
Jeder Mensch ist für sein eigenes Handeln verantwortlich.
Wenn Einzelne Fehler machen oder gegen Gesetze verstoßen, darf das niemals auf eine ganze gruppe übertragen werden.
Wir Sinti und auch die in Deutschland lebende Roma die seit weit mehr als hundert Jahren in Deutschland beheimatet sind, dürfen nicht länger für das Verhalten Einzelner verurteilt werden.
Straftaten oder Fehlverhalten sind immer Persönliche Entscheidungen, keine Merkmale einer Kultur.
Doch manchmal habe ich das Gefühl, das diese Gleichsetzung sogar gewollt ist.
Es wirkt, als wolle man die deutschen Sinti bewusst mit einbeziehen, um uns –trotz unserer über sechshundertjährigen Geschichte in diesem Land-weiterhin als Fremde erscheinen zu lassen.
Auf dieser Weise bleibt das alte Bild bestehen, wir seien „die Anderen“ und genau darin liegt die eigentliche Ungerechtigkeit.
Nach allem, was unsere Minderheit in der Geschichte erlitten hat, sollte es selbstverständlich sein, dass niemand kollektiv für das Verhalten anderer haftet.
Verantwortung ist immer individuell – niemals Kollektiv.
Kein Volk, keine Minderheit und keine Gemeinschaft darf für die Fehler Einzelner verurteilt werden.
Wer das dennoch tut, hält Vorurteile am Leben und macht sich derselben Denkweise schuldig, die schon einmal in unserem Land unsägliches Leid verursacht hat.
Identität ist würdevoll und klar.
Und deshalb ist es wichtig zu betonen:
Sinti nennen sich nicht Roma, und Roma nennen sich nicht Sinti.
Nicht aus Ablehnung – sondern aus Stolz und Wahrheit.
Unsere Vorfahren sind als Sinti gestorben.
Die Vorfahren der Roma sind als Roma gestorben.
Identität ist kein wechselbares Etikett.
Sie ist Erinnerung, Geschichte, Verantwortung, Würde.
Verantwortung füreinander
Gerade weil wir Sinti und alt eingesessene Roma wissen, wie schwer es ist, in diesem Land Anerkennung und Vertrauen zu gewinnen, tragen wir auch Verantwortung füreinander.
Alt eingesessene, integrierte Roma sollten dazu beitragen, neu zugewanderten Roma aus Südosteuropa und vom Balkan Orientierung und Unterstützung zu geben – nicht aus Überlegenheit, sondern aus gegenseitiger Solidarität.
Alt eingesessene und integrierte Roma, die seit Generationen hier leben, teilen viele Herausforderungen mit uns Sinti.
Wenn Roma-Organisationen in Deutschland ihre neu zugewanderten Familien unterstützen, können sie bei Bedarf auf die Erfahrung und Beratung von Sinti-Organisationen zurückgreifen.
Dabei handelt es sich um ein freiwilliges Angebot zur Zusammenarbeit, das die Eigenständigkeit der jeweiligen Organisationen wahrt und gleichzeitig sicherstellt, dass Unterstützung kompetent und effizient erfolgt.
Diese Hilfe ist wichtig – bei der Wohnungssuche, im Kontakt mit Behörden, in Schulen und Kindergärten, bei all den alltäglichen Hürden.
Denn wer sich schneller zurechtfindet, wer Unterstützung bekommt, kann sich auch schneller entfalten.
Wenn wir uns gegenseitig stärken, nehmen wir Populisten und Hetzern den Boden unter den Füßen.
Denn dann kann niemand mehr behaupten, die gesamte Minderheit würde ein einziges Problem darstellen.
Die Fehler und Vergehen Einzelner dürfen niemals einer ganzen Minderheit zugeschrieben werden.
Das ist keine Spaltung, das ist Selbstverantwortung, Zusammenhalt und Reife – ein Zeichen von Stärke, nicht von Distanz.
Verantwortung des Staates
Doch diese gegenseitige Unterstützung darf niemals die Verantwortung von Politik und Gesellschaft ersetzen.
Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma hat in den letzten Jahrzehnten bewiesen, dass er nicht nur die Interessen der deutschen Sinti und der alt eingesessenen Roma verlässlich vertritt, sondern auch eine unverzichtbare Brückenfunktion zwischen Deutschland und den Südosteuropäischen Herkunftsgesellschaften neu Zugewanderten Roma einnimmt.
Jahr für Jahr sucht die Leitung des Zentralrats den Direkten Dialog mit Regierungen in Südosteuropa, um menschenwürdige Lebensbedingungen vor Ort einzufordern, Fluchtursachen zu verringern und Perspektiven zu stärken-ein Einsatz, der Maßgeblich im deutschen Interesse liegt.
Denn wer den Menschen hilft, ihre Heimat nicht verlassen zu müssen, leiste auch einen Konkreten Beitrag zur Stabilität hier im Land.
Gleichzeitig hat der Zentralrat in Deutschland selbst über Jahrzehnte entscheidende Fortschritte für Minderheitenschutz und Gleichbehandlung erreicht:
Unter anderen:
Das Abkommen mit dem Bundeskriminalamt.
Das BKA erkennt die besondere Geschichte der Sinti und Roma an, einschließlich der Verfolgung durch staatliche Stellen.
Das BKA und Zentralrat verpflichten sich, gemeinsam gegen Diskriminierung und Antiziganismus vorzugehen.
Die wegweisenden Vereinbarungen mit der Kirche;
Aufarbeitung der NS Vergangenheit der Kirche die durch das Engagement des Zentralrats vorangetrieben wurde, die Erfolgreiche melde und Informationsstelle gegen Antiziganismus MIA, hat der Zentralrat gefordert und durchgesetzt.
Auch hat der Zentralrat die Unterstützung bei der Einrichtung der GFA an der Universität Heidelberg veranlasst, die heute zentrale wissenschaftliche Arbeit gegen Antiziganismus leistet und viele weitere Initiativen, der Staat und Gesellschaft in die Lage versetzen, Diskriminierung zu erkennen, abzubauen und zu verhindern.
Ein Staatsvertrag ist daher nicht nur eine Frage der Anerkennung.
Er ist eine Notwendigkeit für den Staat selbst.
Gerade weil der Zentralrat seine Arbeit seit Jahrzehnten verlässlich leistet- und weil er sowohl die Bedürfnisse der Deutschen Minderheit als auch die realen sozialen Notlagen neu zugewanderter Roma kennt- ist ein Staatsvertrag kein Privileg, sondern Notwendigkeit. Er schafft Planungssicherheit, verlässliche Strukturen und die Möglichkeit, Staatliche Verantwortung gemeinsam professionell wahrzunehmen.
Es war kein Zufall, das Bundeskanzlerin Merkel und Bundesinnenminister Seehofer, die Dringlichkeit eines Staatsvertrags bereits gesehen haben. Dass sie ihre Ämter in der entscheidenden Phase Niederlegten, darf nicht dazu führen, dass eine längst überfällige Entscheidung weiter aufgeschoben wird. Der Staat selbst profitiert davon, wenn er eine Institution stärkt, die seit Jahrzehnten zuverlässig, glaubwürdig und mit internationaler Wirkung für Recht, Aufklärung und Stabilität sorgt.
Es ist Aufgabe des Staates, sowohl die Sinti als auch die alt eingesessenen Roma durch den garantierten Minderheitenschutz zu schützen, gleiche Rechte zu sichern und für gerechte Chancen zu sorgen.
Wir übernehmen Verantwortung, ja – aber wir entbinden niemanden von seiner Pflicht.
Unsere Solidarität darf nicht dazu führen, dass sich Politik und Behörden aus der Verantwortung stehlen.
Im Gegenteil:
Wenn wir uns engagieren, dann um zu zeigen, dass wir Partner auf Augenhöhe sind –nicht um uns selbst zu isolieren, sondern um mitzugestalten und einzufordern, was uns rechtlich zusteht.
Wenn Bürgerinnen und Bürger aus Bulgarien und Rumänien oder anderen Südosteuropäischen EU-Staaten nach Deutschland kommen, trägt der Staat selbst die Verantwortung für die Regelung, Begleitung und Kontrolle dieser Migration.
Es ist Aufgabe der staatlichen stellen, zwischen ordnungsmäßiger Freizügigkeit, sozialer Integration und möglichen Fehlverhalten klar zu unterscheiden.
Diese Verantwortung kann nicht auf die Nationale Minderheit wie die Deutschen Sinti – ebenso wenig auf hier verwurzelte Roma –Gemeinschaften-übertragen werden.
Wer nach Deutschland einreisen darf, unter welchen Voraussetzungen und mit welchen Folgen, ist eine Staatliche Entscheidung.
Deshalb dürfen Deutsche Sinti und alteingesessene Roma nicht für Herausforderungen verantwortlich gemacht werden, die aus staatlich geregelter Migration entstehen.
Minderheiten tragen keine Mitverantwortung für staatliche Migrationspolitik – sie haben lediglich das Recht, das ihr eigener Minderheitenschutz respektiert und nicht durch pauschale Zuschreibungen unterlaufen wird.
Eines will ich unmissverständlich sagen-nicht nur als Sprecher, sondern als Mensch, der Teil dieser Geschichte ist:
Wir Sinti-ebenso wie die alt eingesessene Roma –lassen uns nicht länger in Begriffe pressen, die andere über uns gestülpt haben.
Wir sind keine Fremden.
Wir Sinti sind seit über 600 Jahren Teil dieses Landes.
Wir haben Traditionen bewahrt, die aus diesem Land stammen, Werte verteidigt, die andere längst abgelegt haben, und wir haben dafür einen hohen Preis gezahlt – nicht durch eigenes Verschulden, sondern durch Traditionen, Vorstellungen und Zuschreibungen, die uns von außen auferlegt wurden.
Darum sage ich es klar und ohne Umwege:
Es ist höchste Zeit, dass Politik, Medien und Gesellschaft aufhören, uns in pauschale Kategorien zu schieben-als wäre „Sinti und Roma“ ein Sammelbegriff für jedes gesellschaftliche Problem, das irgendwo entsteht, unabhängig davon, wer überhaupt beteiligt ist. Diese Gleichsetzung ignoriert die Realität, aber sie trifft uns.
Und gerade deshalb müssen wir sie benennen.
Wir Sinti – und ebenso die alt eingesessenen Roma – stehen zu unserer Verantwortung, zu unserer Geschichte.
Aber wir werden nicht zulassen, dass man uns unsere Identität nimmt, indem man uns verwischt.
Wir sind zwei Gruppen, zwei Identitäten – und beide verdienen Respekt.
Wer uns verstehen will, muss endlich beginnen zu unterscheiden.
Wer Verantwortung trägt, muss beginnen zu schützen.
Und wer Respekt fordert, muss ihn selbst gewähren.
Denn wir sind hier.
Wir gehören hierher.
Und unsere Geschichte verdient es, endlich die Wahrheit erzählt zu werden- nicht in Zuschreibungen anderer, sondern in unserer eigenen Stimme.
Warum ich heute so klar spreche
Heute erleben wir, dass Medien, Politik und Teile der Gesellschaft, Sinti, alt eingesessene Roma, integrierte Familien und neu zugewanderte Gruppen in einem Atemzug nennen, sobald Probleme diskutiert werden.
Wenn ich von unterschiedlichen Gruppen spreche, geht es mir nicht um Abgrenzung, sondern um Klarheit.
Es gibt Menschen, die aus Wirtschaftlicher Not oder ohne Perspektive nach Deutschland kommen-manche geraten dabei leider auch in Situationen, die mit Gesetzen in Konflikt stehen.
Doch das Verhalten Einzelner darf niemals auf alle Roma oder gar auf uns Sinti übertragen werden.
Es geht nicht darum, jemanden zu verurteilen, sondern darum, das die Gesellschaft aufhört, alles in einem Topf zu werfen.
Es ist kein Zufall, dass Medien bei Gewalttaten, Bettelaktionen oder Konflikten im öffentlichen Raum immer wieder von „Sinti und Roma“ sprechen-obwohl sie ganz genau wissen, dass es sich um zwei verschiedene Gruppen handelt.
Diese Gleichsetzung ist kein Irrtum, sie ist Strategie.
Sie sorgt dafür, dass die Mehrheitsgesellschaft uns Deutschen Sinti automatisch als Teil des Problems wahrnimmt.
So wird unterschwellig vermittelt, das auch wir potenzielle Täter oder Störenfriede seien-und genau das ist der Kern Moderner Hetze:
Die bewusste Auflösung von Unterschieden, um alte Vorurteile neu zu beleben.
Sobald in den Nachrichten von Problemen die Rede ist, greift man wie selbstverständlich zum Wort Roma.
Dabei kennt niemand ihre Identität man weiß nur, dass sie aus Bulgarien, Rumänien oder Ungarn stammen.
Doch statt sie als Bürger ihrer Länder zu benennen, etikettiert man sie pauschal, diese Zuschreibung ist nicht Information, sie ist ein Werkzeug, um Schuld zu verteilen und Vorurteile zu schüren.“
Es ist kein Zufall, dass Fehlverhalten einzelner Roma, die nicht aus Deutschland stammen, oft pauschal der gesamten Minderheit zugeschrieben wird – inklusive uns deutschen Sinti.
Deutsche Medien und Teile der Politik nutzen dieses Vorgehen bewusst:
Sie wollen uns Sinti in denselben Topf wie die neu zugewanderten Roma werfen, um uns als Fremde oder sogar als potenziell kriminell darzustellen.
Dadurch wird es für uns deutsche Sinti besonders schwer, die Mitte der Gesellschaft zu erreichen.
Wir werden gewissermaßen gezielt marginalisiert, indem unsere jahrhundertealte Zugehörigkeit und unser Beitrag zum Land unsichtbar gemacht werden.
Dieses bewusste Zusammenwerfen in einen einzigen „Sack“ ist Teil einer Strategie, die Sinti als „die Anderen“ erscheinen lässt – obwohl wir seit Jahrhunderten hier zu Hause sind.
Mein Wunsch ist nicht, Gräben zu vertiefen, sondern Brücken zu bauen-auf einem Fundament aus Wahrheit. Nur wenn Unterschiede benannt werden dürfen, können wir uns auch wirklich begegnen –mit Respekt, ohne falsche Zuschreibungen und ohne Angst, wer wir sind.
Ich spreche heute nicht nur als Vertreter unserer Minderheit, sondern als Nachfahre von Menschen, die trotz allem, was ihnen im Nationalsozialismus angetan wurde, dieses Land nie verlassen haben.
Sie blieben, weil sie eine tiefe Bindung zur ihrer Heimat hatten.
Diese Tiefe Bindung zu unserer Heimat ist auch meine, und gerade deshalb spreche ich heute so klar:
Weil ich will, dass Wahrheit und Gerechtigkeit auch für uns gelten.
Ich spreche heute, damit unsere Geschichte nicht verwischt.
Damit unsere Identität nicht verdünnt wird.
Damit unsere Zugehörigkeit nicht geleugnet wird.
Am Ende möchte ich etwas betonnen, das oft überhört wird:
Wir Sinti wie auch die Alt eingesessenen Roma kennen unsere eigene Geschichte, unsere Wurzeln und unsere Identität besser als jeder Außenstehender.
Viele sprechen über uns, wenige sprechen mit uns.
Und allzu oft entstehen daraus Bilder, Zuschreibungen und sogenannte „Wahrheiten“, die nie aus unserer eigenen Stimmen stammen.
Darum ist mir diese Klarstellung so wichtig:
Sinti und Roma ist kein einziges Wort und keine Homogene Gruppe.
Wir sind zwei Historisch gewachsene Gemeinschaften mit eigenen Traditionen, eigenen Erfahrungen und es ist Zeit, dass das endlich Respektiert und verstanden wird.
Mein Ziel ist nicht Mauern zu bauen, sondern falsche Bilder abzubauen.
Nicht zu trennen, sondern zu schützen, uns alle, die im diesem Land leben und immer wieder pauschal in einen Topf geworfen werden.
Wer Minderheiten stärken will, muss sie erstmal korrekt benennen.
Wer Respekt fordert, muss Vielfalt aushalten.
Und wer über Sinti und über Roma spricht, soll wissen:
Wir haben vieles gemeinsam an Schicksal aber nicht dieselbe Geschichte, nicht dieselben Wege und nicht dieselben Herausforderungen.
Am Ende geht es um etwas ganz Einfaches: Verantwortung gehört dorthin, wo sie hingehört-zu denen, die entscheiden, nicht zu denen, die seit Jahrhunderten hier Leben.
Unsere Geschichte, unsere Kultur und unsere Identität sind kein Politisches Spielfeld.
Wir Sinti und alt eingesessene Roma stehen zu unserer Heimat deutschland-und wir erwarten, dass dieses Land ebenso zu uns steht.
Schlusswort:
Der Staatsvertrag – Verantwortung, die nicht länger aufgeschoben werden darf
Ich habe diesen Aufsatz geschrieben, um Klarheit zu schaffen. Doch Klarheit ohne Politische Konsequenten schützt niemanden.
Deshalb möchte ich zum Schluss über den Staatsvertrag sprechen – nicht nur im Interesse der Sinti und Roma, sondern im Interesse des Staates selbst.
Den längst überfälligen Staatsvertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Zentralrat Deutscher Sinti und Roma.
Dieser Staatsvertrag ist nicht nur in Interesse unserer Minderheit – er liegt ebenso im grundlegenden Interesse des Deutschen Staates selbst.
Der Zentralrat hat in den Vergangenen Jahrzehnten unter der Leitung von Romani Rose, der seit rund 50 Jahre an seiner Spitze steht, bewiesen, dass er Verantwortung trägt-national wie international.
Unter seiner Leitung wurden Brücken gebaut:
zwischen Minderheit und Mehrheitsgesellschaft, zwischen Deutschland und Südosteuropäischen Staaten, zwischen Erinnerung und Gegenwart.
Jahr für Jahr reist der Vorsitzende des Zentralrats in Länder Südosteuropas, führt Gespräche mit Regierungen, mahnt menschenwürdige Lebensbedingungen für Roma an, damit Flucht und Migration nicht die einzige Perspektive bleiben.
Diese Arbeit entlastet nicht nur Deutschland sie Stabilisiert Europa.
Auch im Inland hat der Zentralrat mit seinen Landesverbänden Maßstäbe gesetzt.
Der Zentralrat hat Vereinbarungen mit dem Bundeskriminalamt auf dem Weg gebracht, um Antiziganismus in Staatlichen Strukturen zu bekämpfen.
Er hat Dialoge mit den Kirchen initiiert, Erinnerung aufgearbeitet, Verantwortung eingefordert.
Mit der Melde und Informationsstelle Antiziganismus (MIA) wurde ein Instrument geschaffen, das Diskriminierung sichtbar macht, wo sie zuvor verdrängt wurde.
Wissenschaftliche Initiativen wie die GFA an der Universität Heidelberg wurden unterstützt, Bildungs-und Dokumentationsarbeit nachhaltig verankert.
Das ist alles keine Symbolpolitik – das ist konkrete staatstragende Arbeit.
Und dennoch wird dem Zentralrat seit 2018 ein Staatsvertrag verweigert.
Dabei wurde die Dringlichkeit längst erkannt.
Sowohl Bundeskanzlerin Angela Merkel als auch Bundesinnenminister Horst Seehofer hatten die Notwendigkeit eines Staatsvertrags gesehen und anerkannt.
Kurz vor ihrem Ausscheiden aus den Ämtern lag diese Einsicht auf dem Tisch. Danach aber wurde das Thema vertagt –nicht gelöst.
Verantwortung wurde weitergereicht, statt übernommen.
Ein Staatsvertrag wäre kein Privileg.
Es wäre die logische Konsequenz aus Jahrzehnter langer Arbeit, aus historischer Verantwortung und aus Politischer Vernunft.
Es würde dem Zentralrat die institutionelle Sicherheit geben, die nötig ist, um langfristig zu planen, international zu handeln und im Innern Wirksam zu bleiben.
Gleichzeitig würde er den Staat Verlässlichkeit geben:
klare Zuständigkeiten, stabile Strukturen, echte Partnerschaft statt bloßer Projektförderung.
Gerade in einer Zeit, in der gesellschaftliche Spannungen zunehmen, Populismus wächst und Minderheiten erneut unter Generalverdacht geraten, braucht es starke, legimitierte Institutionen.
Der Zentralrat ist eine solche Institution.
Ihn nicht dauerhaft abzusichern, schwächt nicht nur Sinti und Roma –es schwächt den demokratischen Rechtsstaat selbst.
Dieser Staatsvertrag ist deshalb nicht nur gerecht.
Er ist Notwendig.
Er ist überfällig.
Und er ist Prüfstein dafür, wie ernst es Deutschland mit Verantwortung, Erinnerung und Zukunft meint.
Nach allem, was Sinti, Roma und andere Opfergruppen im Nationalsozialismus erlitten haben-und nach allem, was ihnen auch nach 1945 verwehrt blieb- ist ein Staatsvertrag kein Akt des Wohlwollens, sondern ein Akt der historischen Konsequenz.
Ein Staat, der Minderheiten schützt, schützt letztlich sich selbst.
Ich danke ihnen, dass sie zugehört haben und dass sie bereit sind, zwischen Klischee und Wirklichkeit zu unterscheiden.
Oswald Marschall
01.5 2026